Buchrezension: “Einführung in die eigenen Gedanken”

image„Einführung in die eigenen Gedanken“ von Carl Auer, Carl-Auer Verlag Heidelberg, mittlerweile in der 2. Auflage, Preis: 4 Euro*

Um den Autor dieses kleinen Büchleins ranken sich viele Geschichten. Böse Zungen behaupten sogar, es gäbe diesen Carl Auer, nach welchem der gleichnamige Verlag benannt ist, gar nicht. Da in jenem Verlag sehr viele Bücher aus dem Milieu der Systemiker und Konstruktivisten veröffentlicht werden, mag diese Frage auch gar nicht eindeutig zu beantworten sein. Allein dies macht das Buch schon lesenswert. Aber nicht nur das.Denn irgendwie ist dieser Carl Auer auch gar nicht der Autor des Buches. Man muss vielleicht schon ein paar Seiten gelesen haben, bevor einem dies auffällt. Und genau das ist es auch, was dieses Buch so interessant macht. Es waren große Persönlichkeiten wie Gregory Bateson, Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld oder Umberto Maturana, die nicht müde wurden zu betonen, dass Informationen erst in unserem Kopf entstehen und nicht unabhängig von uns existieren. Kein anderes Buch spiegelt diese Philosophie so sehr wieder wie die „Einführung in die eigenen Gedanken“. Und dennoch steht in diesem Buch nichts, was der Leser nicht sowieso schon weiß, sei es ihm nun bewusst oder nicht.

Aber gerade deswegen bietet dieses Buch dem Leser alles, was er sich nur wünschen kann und eine Mahnung sei an dieser Stelle durchaus angebracht: „Sei vorsichtig mit Deinen Wünschen. Sie könnten in Erfüllung gehen!“

Worum geht es in diesem Buch?

Es geht um Dich! Oder sollte ich sagen um Sie? Dies muss erwähnt werden, denn der Autor (oder  die Autoren?) haben den meines Erachtens besten Weg gefunden, im Rahmen einer solchen Veröffentlichung das Problem des „Du“ und „Sie“ zu umgehen. Weiter noch: Sie haben es geschafft, im Rahmen ihres Schreibstils die Problematik der weiblichen und männlichen Anrede völlig zu umgehen! Es geht, wie der Titel andeutet, also um die eigenen Gedanken. Auf dieses Thema fokussiert diese Veröffentlichung so sehr, dass – derart vertieft – die Grenzen zwischen Autor und Leser immer wieder zu verschwinden scheinen. Durchaus gewollt, denn es soll schließlich den Leser in eine Form von Lesetrance führen. Das Lesen ist nun eben nicht ein so passiver Vorgang, wie viele denken.

Hier wird der Leser zum Autor und der Autor zum Leser. Hat man erst einmal akzeptiert, entsteht eine völlig neue Perspektive: die der Selbstbeobachtung – was die Etablierung einer völlig neuen Instanz innerhalb der eigenen Gedanken zur Folge hat. So gesehen wird das Lesen/Schreiben dieses Buches zum selbsttherapeutischen Zweck – sofern man sich darauf einlässt. Das gewollte Verschwinden der Autor-Leser-Unterscheidung folgt damit stringent der 3. Gutenberg’schen Revolution: sorgte die erste Revolution dafür, dass nun alle lesen konnten, die zweite Revolution über das Internet, dass Informationen frei zugänglich wurden, stehen wir nun vor der dritten Revolution – wiederum über die kulturelle Entwicklung des Internets -, bei der wir alle zu Autoren werden und das Schreiben (wiederer)lernen.

Ich selber besitze mittlerweile sogar zwei Exemplare und Sie können sich bereits denken, dass ich dieses Buch ausnahmslos empfehle. Als kurios empfand ich bei der zweiten Ausgabe, dass mir diese so völlig anders erschien als die erste. Ich kann im Nachhinein jedoch nicht genau sagen, ob das daran begründet, dass meine Umwelt sich verändert hat – oder ich mich selber.

* Anmerkung: Das Buch “Einführung in die eigenen Gedanken” besteht ausschließlich aus leeren Seiten. Ich möchte nur ungern dafür verantwortlich sein, dass Sie nach dem Kauf enttäuscht sind.

2 Kommentare zu „Buchrezension: “Einführung in die eigenen Gedanken”“

  • . . . an der dritten Revolution muss aber noch gearbeitet werden, bevor sie die neue kulturelle Entwicklung im Internet widerspiegelt . . . “wiederspiegelt” unterliegt mehr der ersten Revolution . . .
    kml

  • Hallo Herr Liebscher,

    Danke für diesen ersten Kommentar.
    Ob man nun von Revolution sprechen muss, darüber kann man sicher diskutieren. Ich habe das Beispiel der Schreibenden im Buch Cypherpunks gefunden und fand es zumindest interessant.

    Das heißt ja nicht, das man alles gut heißen muss, was so geschrieben wird. Jedoch fand ich, dass da etwas dran ist.

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