Möglichkeit und Eigenschaft

Nach Matthias Varga von Kibed scheint ein wesentlicher Aspekt systemischen Denkens zu sein, dass Eigenschaften nicht so sehr in einem Individuum angesiedelt sind, sondern eher kommunikativ, zwischen mehreren Individuen “passieren”. Unsere Alltagserfahrung sagt uns jedoch, dass “mein Gegenüber” bestimmte Eigenschaften aufweist, vor allem wenn gewisse, damit im Zusammenhang stehende Verhaltensweisen einer Person, sehr regelmäßig hervorgebracht werden (Verhaltensmuster).

Systemtheoretisch sind das ja genau die “Muster”, die es zu untersuchen gilt. Man geht jedoch, im Gegensatz zu unserer Alltagserfahrung davon aus, dass der interaktionelle Prozess oder die Beziehung im wesentlichen bestimmt, a) dass eine bestimmte Eigenschaft zum Tragen kommt, b) wie diese Eigenschaft bewertet wird und c) was dies wiederum “beim Anderen” auslöst.

Vielleicht wäre es deshalb sinnvoll, den Sprachgebrauch zu verändern. Frei nach Wittgenstein, sind wir ja bekanntlich in der Sprache. Und das Verändern eben dieser Sprache verändert unsere Realität und vor allem die Bewertungen derselben. “Das Universum ist so groß, wie deine Fähigkeit es wahrzunehmen”, meint Richard Bandler, einer der NLP-Begründer. Stattdessen könnte man sinnhafter sagen: “Das Universum ist so groß, wie deine Fähigkeiten, deine ‘Realität’ immer wieder neu zu beschreiben.”

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto weniger befremdlich klingt dieser Satz für mich. Menschen verfügen nicht über Eigenschaften, sondern über Möglichkeiten. Klingt das nicht auch viel positiver? Schon eine der NLP-Grundannahmen besagt: Handle stets so, dass sich die Anzahl deiner Wahlmöglichkeiten erhöht!

Ganz allgemein verfügen Menschen wahrscheinlich über eine unbegrenzte Zahl von Möglichkeiten. Welche davon in bestimmten Situationen oder in Beziehungen häufiger als andere zum Tragen kommen, hängt von einer ebenso großen Anzahl von Faktoren (Konstellationen) ab. Es scheint so zu sein, dass die Auswahl, welche Möglichkeiten zu konkreten Eigenschaften werden, eher auf unbewusstem Niveau “passieren”.

Nominalisierung ist, wenn aus einem Tunwort (Prozesswort) ein Hauptwort wird (Verdinglichung). Schon Fritz Perls bevorzugte es, anstatt von Unbewusstem lieber von “zur Zeit nicht bewusst” zu sprechen. Auch dies ist wieder ein Sprachspiel, mit dem eine Eigenschaft in eine Möglichkeit verwandelt wird. Indem wir einen (unbewussten) Prozess verdinglichen, “erschaffen” wir sozusagen einen (Persönlichkeits-) Anteil mit einem Eigenleben. Und dies ist weder gut noch schlecht! Es kann sogar sehr sinnvoll sein. Gibt es doch gerade in der Hypnose typische Techniken, um mit dem (sogenannten) Unbewussten zu kommunizieren. In den systemischen Strukturaufstellungen etwa ist eine Vorstellung von “dem Unbewussten” gar nicht notwendig, da Aufstellung weniger als Technik, sondern eher als Grammatik oder auch Sprache angesehen wird.

Unbewusste Prozesse bestimmten unser Leben deutlich mehr als es bewusste Prozesse tun. Hirnforscher sprechen sogar “von der Illusion des freien Willens” (Roth). Meines Erachtens funktionieren solche Illusionen wie der “freie Wille” jedoch nur, indem ich bestimmte Prozesse verdingliche. In vielen Büchern über Hypnose wird sogar davon gesprochen, dass “das Unbewusste” viel weiser und schlauer sei als “das Bewusste” – dass das Unbewusste sogar das Bewusste quasi hervorbringe … Bedacht wird bei solchen Formulierungen weniger, dass dieses weise Unbewusste einen guten Grund dafür gehabt haben muss, so ein (manchmal) lästiges Bewusstes hervorzubringen (die Natur erschafft nichts Überflüssiges). Aber auch dies sind alles Sprachspiele aufgrund von Verdinglichungen (Nominalisierungen).

Sie, lieber Leser und liebe Leserin, haben eine fast unbegrenzte Zahl von Möglichkeiten, die Sie zu Eigenschaften werden lassen können. Und es ist wichtig zu entscheiden, welche Möglichkeiten in welcher Situation zu Eigenschaften werden können/sollten.

Sarkasmus kann im Operationssaal wesentlicher Bestandteil der Psychohygiene sein, während er in einer romantischen Situation das Ende einer Beziehung einleiten könnte.

Ich weiß nicht, ob “das Unbewusste” tatsächlich “mächtiger” ist als das Bewusste, vor allem, wenn man, wie ich, davon ausgeht, dass es “das Unbewusste” gar nicht gibt! Aber ich weiß, dass unbewusste Prozesse unglaublich viel schneller sind als bewusste “Wahrgebung” (Gunther Schmidt).

Deshalb bereite dich vor, bevor du in eine bestimmte Situation kommst. Klingt banal? – Ist es auch!

Ob ich in diesem Beitrag das ausdrücken konnte, was ich ursprünglich vorhatte? Woher sollte gerade ich das wissen? Ob Sie oder ich schlauer dadurch geworden sind? Das bezweifle ich.

Kommentieren