Wo ist das Ich?

Gern hätte ich hier einen schönen Beitrag geschrieben. Aber das kann ich aus zwei Gründen nicht: Wenn es nach manchen Hirnforschern geht, haben wir gar kein Ich. Was uns zum zweiten Problem führt: Es gibt dann auch keine Ichs, die diesen Artikel hier lesen werden. Aber was gibt es dann, anstelle eines Ichs? Zumindest ist da unser Gehirn, mithilfe dessen ich schreibe, und andere Hirne lesen meine Worte. Nicht Ihr Ich, sondern Ihr Gehirn also! Oder wie wäre es mit dem Körper? Schließlich haben wir ja auch ein Bauchhirn. Nehmen wir das alles zusammen, dann haben und sind wir unser Körper. So, damit können wir vielleicht nicht mehr so viel falsch machen.

Ups, die systemischen Denkweisen sollten wir auch noch einbeziehen. Für die ist es gar nicht relevant, was da mit und in unserem Körper geschieht, sondern mehr, was zwischen verschiedenen Körpern passiert. Die Elemente eines Systems ist die Kommunikation zwischen … den Menschen (Luhmann)? Wir haben also kein Ich und wir sind nicht unser Gehirn. Wir sind aber auch nicht die Kommunikation zwischen … Ach, was weiß ICH?

Forschungsergebnisse legen nahe, dass das sogenannte Ich eine Illusion ist (wessen Illusion eigentlich?). Unterschiedliche Belege gäbe es dafür. Zum Beispiel konnte man im Gehirn messen, dass, bevor ich mich für etwas bewusst entschieden habe, in meinem Gehirn schon alle wesentlichen Entscheidungen getroffen wurden. Unser Bewusstsein hänge zeitlich einige Millisekunden hinterher. Dann könnte es doch tatsächlich so wie im Spielfilm “Matrix” sein. Dort vermittelte das Orakel Neo, dass er sich schon längst entschieden habe und jetzt nur noch herausbekommen müsse, warum er sich für die eine Variante entschieden hat.

Nun mache ich persönlich immer wieder (gerne) den Fehler, das sogenannte Ich mit dem gleichzusetzen, was man gemeinhin unter Bewusstsein versteht. Und hätten wir tatsächlich so etwas wie ein Bewusstsein, muss es doch auch ein Unbewusstsein geben, oder Unterbewusstsein. Zögen wir den buddhistischen Weisen Nagarjuna zu Rate, könnte man mit folgenden Positionen spielen: Es gibt ein Ich. Es gibt ein Nicht-Ich. Es gibt Beides. Es gibt Keines. Es ist doch alles ganz anders.

Ich fürchte, wir gehen da mit Begriffen um, die nicht sauber definiert sind. Welche wahrscheinlich auch nicht sauber definiert werden können. Wie Watzlawick schon schrieb, ist das einzige Werkzeug, um unser Gehirn zu untersuchen, ebendieses Gehirn selber. Paradox, oder?

Imagine there are no scientists
its easy if you try
no particles below us
above only your mind.

Wir sind eben nicht in der Realität, sondern in der Sprache! Und dadurch haben wir ganz schöne Probleme. Aber mancher abfällig über Philosophen denkender Gehirnforscher, berücksichtigt dies und auch das obige Problem präziser Definitionen nicht. Die schauen auf ihre großen “geMRTen” Bilder und kommen dann zu total coolen Sätzen (welche natürlich nicht von deren Ichs gesagt werden, sondern von ihren Gehirnen, was sie auch von jeglicher Verantwortung dieser Aussagen freispricht – aber dazu kommen wir noch). Da hat zum Beispiel ein Forscher einem menschlichen Probanden einen Metalldraht ins Gehirn gesteckt, an einer bestimmten Stelle dann elektrische Spannung angelegt – und dieses Versuchskanichen sagte daraufhin: „Ich habe eine Erleuchtungserfahrung!“ Von da an wusste der Forscher endlich, was er eigentlich immer schon wusste, weshalb er ja genau zu diesem Ergebnis kam: Religiöses Erleben ist eine Illusion!

Gott sei Dank, denn das passte noch nie so richtig in die modernen westlichen Denkweisen. Im Fernsehen wurde mal eine Gehirnoperation gezeigt, es sollte ein Tumor entfernt werden. Damit der Gehirnchirurg (nachweislich die Krone medizinischer Schöpfungsgeschichte) sicher sein kann, nur bösartiges Gewebe zu entfernen, muss der betreffende Mensch (manche nennen ihn auch Patient) bei Bewusstsein bleiben. Man reizt dann elektrisch Bereiche um den Tumor herum und spricht dabei mit dem Menschen. Kommt der Arzt an gesundes Gewebe, wird derjenige sich verändert verhalten – hurra, auf eine Gehirnfunktion gestoßen. Auf einmal konnte der Mensch im Fernsehen kein „A“ mehr artikulieren. Da sitzt also das A im Hirn, das ist freaky. Verdammt! Dann war das A also schon immer eine Illusion? Natürlich, oder haben Sie schon einmal freilaufende Buchstaben außerhalb von Gehirnen angetroffen?

Es gibt sogar Hirnforscher (und man stelle sich das vor, empörend), die sich in unser Strafrecht einmischen möchten. Nicht dass unser Rechtssystem nicht verbesserungswürdig wäre. Denn wenn wir über kein Ich verfügen, und (un)vorbewusst eh schon alle Entscheidungen getroffen waren, also noch bevor unser Nicht-Ich informiert wurde, (Unverschämtheit!), haben wir auch keine, oder nur eine eingeschränkte Verantwortung für das, was wir tun. Künftig sind demnach Täter nicht mehr schuldig, denn sie waren es ja nicht selber, die die Verbrechen begingen. Es waren ihre Gehirne.

Das führt aber zu üblen Problemen, denn es dauert noch ein bisschen, bis die Cyberspacetechnologie so weit ist, dass wir unsere Gehirne getrennt von unseren nicht vorhandenen Ichs bestrafen können. Also sperren wir doch vorsichtshalber den ganzen Menschen ein. Sicher ist sicher (im doppelten Wortsinne).

Jetzt mal Ernst beiseite! Natürlich haben die meisten (ich kenne ja nicht alle) von uns ein Ich. Und die meisten von uns haben auch ein Bewusstsein, welches sogar Einfluss nehmen kann (man staune). Wir habe dies, weil wir uns entschieden haben, so etwas zu haben (Vom Sein zum Haben?). Wir erschaffen es genauso, wie wir uns die Welt erschaffen. Immerhin wird auch das von Hirnforschern bestätigt, ob nun mit oder ohne Ich. Wäre dem nicht so, gäbe es z. B. keine einzige erfolgreiche Psychotherapie (und damit meine ich keine spezielle Richtung, sondern die jeweiligen Behandlungen bzw. Sitzungen). Erfolgsquoten spielen dabei keine Rolle, da hier Einzelfälle gemeint sind. Wir können auf die Konstruktionsprozesse, mit welchen wir unsere Realität erfinden, Einfluss nehmen. Nicht dass es sehr leicht ginge. Gott sei Dank (hat Gott eigentlich ein Ich?), denn wenn es sehr leicht wäre, hätten wir viel mehr Menschen mit Psychosen (oder ist dies gar schon so?).

Es gibt da eine Theorie: Wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu und warum das Universum da ist, dann verschwände es auf der Stelle und würde durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Eine andere Theorie besagt, dass das bereits passiert ist. (Douglas N. Adams)

Es funktioniert eben nur anders, als wir es gerne hätten. In einer konkreten Situation reagieren wir mehr, als wir agieren. Jedoch können wir in einer Art von Reflexion, meist vor oder nach einer solchen Situation, den Konstruktionsprozess selber ändern. Nicht willkürlich. Sinnvollerweise.

Je mehr wir begreifen, wir sehr wir unsere Welt selber erschaffen, desto mehr Freiheiten erhalten wir. Freiheit und Verantwortung sind komplementär (Heinz von Foerster). Das behaupte ich jetzt einfach mal so, ohne Ihnen einen Beweis liefern zu können. Das müssen Sie jetzt einfach mal glauben.

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